Industriekultur in der Prignitz - ein Überblick

Im 19. bzw. Anfang des 20. Jh. entwickelten sich in der rein ländlich geprägten Region der Prignitz Industriestandorte

Vornehmlich Wittenberge wandelte sich vom kleinen Ackerbürgerstädtchen zum Eisenbahnknotenpunkt und Industriezentrum.
Noch heute strahlen die beleuchteten Zeiger und Ziffern des Singer-Uhrenturms weit in das Prignitzer Land und über die Elbe hinweg bis in die Altmark.Der Turm ist ein eindrucksvolles Wahrzeichen der Stadt Wittenberge und wurde in den Jahren 1928/1929 ursprünglich als Wasserturm zur Versorgung der Singer Nähmaschinenfabrik erbaut.

Wittenberge, die Stadt der Nähmaschinen, war zwischenzeitlich der größte Standort zur Produktion von Haushaltsnähmaschinen in Europa. Nach dem 2. Weltkrieg und der Demontage des Singer-Werkes wurde mit viel Kraftaufwand die Produktion wieder aufgenommen und der Betrieb mit der Marke »Veritas« zu einem modernen Werk entwickelt. Bis zu 3.000 Menschen arbeiteten in der Fabrik, die 1990, in ihrem letzten Jahr, noch 400.000 Haushaltsnähmaschinen produzierte. Mit der Wende wurde das Nähmaschinenwerk abgewickelt, die Produktion stillgelegt. Inzwischen dient der Turm nicht mehr als Wasserspeicher, sondern erzählt seinen Besuchern in einer Ausstellung die Geschichte des Werkes. Die weitläufigen Investitionen und Bemühungen der vergangenen Jahre – die Stadt zu sanieren, ohne dabei den Industriecharme verloren zu geben – haben sich ausgezahlt.

Bestes Beispiel dafür ist die »Alte Ölmühle«, welche im Jahre 1823 vom Berliner Kaufmann Salomon Herz als erster Industriebetrieb in Wittenberge in der preußischen Industriearchitektur errichtet wurde. Auf dem großen Gelände mit seinen Industriebauten in backsteinroter-Ziegeloptik, direkt an der neuen Uferpromenade, wurde ein Paradies für Urlauber geschaffen. Neben dem Hotel »Alte Ölmühle« sind hier unter anderem ein Loft-Spa, ein Uferturm mit Bar, ein Indoor-Hochseilkletterpark sowie Norddeutschlands einziger Indoor-Tauchturm entstanden. Gleich nebenan befindet sich der 1878 erbaute Speicherteil, der heute als Restaurant und Schaubrauerei dient. Hier wird das frisch gezapfte HerzBräu (Bier) ausgeschenkt, benannt nach dem Gründer der Ölmühle. Salomon Herz sorgte als Teilhaber der Berlin-Hamburger Eisenbahngesellschaft auch dafür, dass die Bahnstrecke zwischen den beiden Metropolen via Wittenberge führte. Bereits 1846 nahm die Berlin-Hamburger Eisenbahn in der Elbestadt den ersten Lokschuppen in Betrieb. Noch heute wird er von einer Eisenbahngesellschaft genutzt und ist damit der älteste noch in Betrieb befindliche Lokschuppen in Deutschland. 1872 folgte der Bau eines weiteren Schuppens, einer sogenannten Rotunde, im Jahr 1889 wurde der dritte Ringschuppen fertig der heute das Kernstück für den »Historischen Lokschuppen« bildet, Brandenburgs größtes Eisenbahnmuseum.

In Pritzwalk trifft man auf die Brüder Ludwig und August Draeger. Sie übernahmen 1839 den traditionsreichen Tuchmacherbetrieb ihres Vaters und gründeten daraus als »Tuchfabrik Gebrüder Draeger« die erste Fabrik Pritzwalks. 1858 zog die Fabrik aus der Innenstadt an den heutigen Standort am Meyenburger Tor. Hier wurde Schafwolle zu Tuchen verarbeitet und als Uniformtuchfabrik wurden vor allem behördliche Abnehmer wie die Eisenbahn, die Post und das Militär beliefert. Kurz nach der Jahrhundertwende waren die zusammen agierenden Tuchfabriken in Pritzwalk und Wittstock deutschlandweit unter den Marktführern im Bereich Uniformtuche.

Heute hat in der alten Tuchfabrik die MUSEUMSFABRIK Pritzwalk ihr Zuhause. Das Museum bietet ein umfangreiches Programm zum Mitmachen an, darunter die Werkstattbereiche mit Handweberei und Druckerei und Führungen zur Pritzwalker Industriegeschichte. In Neustadt Dosse steht das letzte original erhaltene Gaswerk in Nordeuropa und ist somit einer der letzten erhaltenen Zeitzeugen der über 150-jährigen Geschichte der Gaserzeugung in Europa. Seine Einzigartigkeit stellen die liegenden Retorten dar, in denen aus Steinkohle Stadtgas erzeugt wurde. Begehrte Nebenprodukte waren Koks und Teer. 1902 geplant und 1903 eröffnet, lieferte es bis 1980 für Neustadt (Dosse) Licht und Wärme. Heute bewahrt es als Technisches Denkmal das »Know-how« der einstigen Gastechnik. Es bietet faszinierende, erlebbare historische Technik zum Anfassen für Groß und Klein!